Vom guten Vorsatz zum schlechten Gewissen
Wir alle kennen dieses Gefühl: Du hast ein Ziel. Ein gutes Ziel. Eines, das sich richtig anfühlt.
Du kannst es dir vorstellen, du siehst dich quasi schon dort stehen. Vielleicht spürst du sogar schon den Erfolg. Dieses leichte Kribbeln, diese innere Zustimmung: Ja, genau das will ich.
Und trotzdem … bleibt es am Ende oft genau dabei.
Beim Bild. Beim Gefühl. Beim Vorsatz.
Ich erlebe das bei mir selbst – und ich sehe es ständig bei anderen:
Wir sind erstaunlich gut darin, Ziele zu formulieren. Und erstaunlich schlecht darin, sie zu erreichen.
SMARTe Ziele – sinnvoll, aber nicht ausreichend
Im Business lernen wir früh, Ziele SMART zu definieren: spezifisch, messbar, attraktiv, realistisch, terminiert. Das ist sinnvoll, denn das gibt Orientierung und schafft Klarheit.
Aber was SMART nicht leistet:
Es bereitet uns nicht wirklich auf den Weg vor. Die Träumerei vom Ziel und was sie mit uns macht. Ich persönlich verliere mich manchmal in der Träumerei des Ziels. Ich kann mir wunderbar ausmalen, wie es sein wird, wenn ich es erreicht habe. Und ganz ehrlich: Ich unterschätze dabei gern, dass zwischen mir und diesem Ziel ein Weg liegt. Einer, der Zeit braucht. Energie. Und manchmal auch Durchhaltevermögen.
Interessanterweise hat das sogar eine positive Seite.
Denn wenn ich vorher wüsste, wie anstrengend es wirklich wird, würde ich manches vielleicht gar nicht anfangen. Die vereinfachte Vorstellung vom Weg bringt mich überhaupt erst ins Handeln.
Was die Wissenschaft dazu sagt
Spannend ist: Genau dieses Phänomen ist wissenschaftlich gut untersucht. Die Psychologin Prof. Dr. Gabriele Oettingen zeigt in ihrer Motivationsforschung, dass reines positives Visualisieren oft einen gegenteiligen Effekt hat.
Wenn wir uns intensiv vorstellen, wie großartig es sein wird, ein Ziel erreicht zu haben, erlebt unser Gehirn bereits einen Teil der Belohnung. Motivation wird kurzfristig befriedigt – und genau dadurch sinkt häufig die Energie, tatsächlich loszugehen.
In mehreren Studien konnte Oettingen zeigen: Menschen, die nur vom Erfolg träumen, investieren später weniger Anstrengung. Menschen hingegen, die Wunsch und Realität bewusst miteinander verknüpfen, bleiben deutlich konsequenter dran.
WOOP – vom Wunsch zur Umsetzung
Aus dieser Forschung heraus ist die WOOP-Methode entstanden.
Wish – was wünsche ich mir wirklich?
Outcome – wie fühlt sich das bestmögliche Ergebnis an?
Obstacle – was steht mir ganz real im Weg, oft in mir selbst?
Plan – was tue ich konkret, wenn dieses Hindernis auftaucht?
Der entscheidende Punkt liegt im „O“ – dem Hindernis.
WOOP nimmt uns die Träumerei nicht weg. Aber es zwingt uns, ehrlich hinzuschauen: auf alte Muster, Zeitfallen, Bequemlichkeit, Überforderung oder innere Widerstände.
Ziele brauchen Platz im Alltag
Und genau hier schließt sich der Kreis zu meiner eigenen Erfahrung. Ziele werden für mich dann erreichbar, wenn ich ihnen wirklich Platz im Alltag einräume. Nicht nur gedanklich. Sondern ganz konkret.
Wann gehe ich den Weg?
Wie gehe ich ihn?
Und was mache ich, wenn es anstrengend wird – oder der Alltag dazwischenfunkt?
Ziele scheitern selten daran, dass sie schlecht formuliert sind. Sie scheitern daran, dass wir den Weg unterschätzen und ihm keinen Raum geben.
Fazit: weniger träumen, bewusster gehen
Ein Ziel braucht mehr als Motivation. Es braucht eine Entscheidung – und eine Struktur, die diese Entscheidung im Alltag trägt. Vielleicht ist genau das die eigentliche Frage hinter vielen Neujahrsvorsätzen und Zielvorhaben:
Nicht: Was will ich eigentlich? Sondern: Bin ich bereit, diesem Ziel Platz zu machen?
Und vielleicht beginnt echte Zielerreichung genau dort, wo wir aufhören, nur vom Ziel zu träumen, und anfangen, den Weg bewusst mitzudenken.
Was heißt das für dich?
Wenn du merkst, dass du deine Ziele gut kennst, sie aber im Alltag immer wieder aus den Augen verlierst, dann lohnt sich ein ehrlicher Blick auf den Weg – nicht nur auf das Ziel.
Was steht dir wirklich im Weg? Und was brauchst du, damit dein Ziel im Alltag Platz bekommt?
Wenn du genau an diesen Fragen arbeiten möchtest – für dich selbst, dein Team oder deine Führungskräfte –, begleite ich dich gern dabei.
Quellen:
Oettingen, G. (2014). Rethinking Positive Thinking: Inside the New Science of Motivation. Current.
Oettingen, G., & Gollwitzer, P. M. (2010). Strategies of setting and implementing goals. In: Social Psychological Foundations of Clinical Psychology. Guilford Press.