Halloween, Coco und die Unternehmenskultur: Warum sich Kultur nicht einfach kopieren lässt

trick or treat - an Halloween scheiden sich die Geister

Was ein vermeintlich amerikanischer Brauch über Veränderungen, Traditionen und das Miteinander in Unternehmen verrät


„Was soll denn dieser amerikanische Quatsch? Das gab es früher auch nicht!“

Diesen Satz habe ich in den vergangenen zehn Jahren immer wieder gehört, wenn ich mit meinen Kindern an Halloween durch die Nachbarschaft gezogen bin.

Interessanterweise begegnen mir ähnliche Aussagen auch in Unternehmen. Sobald neue Methoden, Rituale oder Formen der Zusammenarbeit eingeführt werden, reagieren Menschen ganz unterschiedlich. Manche sind begeistert, andere fragen sich, wozu das Ganze gut sein soll. Dabei lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Denn manchmal ist das vermeintlich Neue gar nicht so neu. Und manchmal braucht eine gute Idee einfach Zeit, bis sie Teil einer gelebten Kultur wird. Halloween ist dafür ein ziemlich gutes Beispiel.

Was wir für neu halten, hat manchmal eine lange Geschichte


Halloween leitet sich von „All Hallows’ Eve“ ab, dem Abend vor Allerheiligen am 1. November. Seine Wurzeln liegen unter anderem in Irland und Schottland, wo verschiedene Bräuche rund um den Übergang zur dunklen Jahreszeit und das Gedenken an Verstorbene entstanden. Irische und schottische Einwanderer brachten ihre Traditionen im 19. Jahrhundert nach Nordamerika. Dort entwickelten sie sich weiter. Aus ausgehöhlten Rüben wurden Kürbislaternen, und im Laufe der Zeit entstand das Halloween, das wir heute kennen. Schließlich kam es zurück nach Europa. Mit Kostümen, Kürbissen und reichlich Süßigkeiten. Ein vermeintlich amerikanischer Brauch, der zu einem erheblichen Teil europäische Wurzeln hat. Er wurde weiterentwickelt und kehrte in veränderter Form zurück.

Auch in Unternehmen erleben wir, dass vermeintlich neue Konzepte auf lange bekannte Ideen aufbauen.

Mentoring ist dafür ein gutes Beispiel. Erfahrene Menschen geben seit jeher Wissen weiter. Heute wird daraus ein strukturiertes Entwicklungsprogramm, vielleicht sogar mit Reverse Mentoring, bei dem jüngere Mitarbeitende ihre Erfahrungen und Kompetenzen einbringen. Das Neue entsteht häufig dadurch, dass wir Bekanntes unter veränderten Bedingungen weiterentwickeln. Gerade bei Veränderungsprozessen lohnt sich deshalb die Frage:

Welche Erfahrungen und bewährten Praktiken haben wir bereits, auf denen wir aufbauen können?

Coco: Warum Geschichten für eine Kultur so wichtig sind


Ein besonders schöner Zugang zum Thema Kultur ist für mich der Pixar-Film Coco – Lebendiger als das Leben! Er erzählt vom mexikanischen Día de Muertos, dem Tag der Toten. Anfang November erinnern sich Familien an ihre Verstorbenen, gestalten Altäre mit Bildern, Blumen und Lieblingsspeisen und feiern die Verbindung zu ihren Vorfahren. Der Día de Muertos ist eine eigenständige Tradition mit indigenen und katholischen Einflüssen. Er steht zeitlich und durch Allerheiligen und Allerseelen mit Halloween in Verbindung, hat aber eine andere kulturelle Geschichte.

Was mich an Coco besonders berührt, ist die Bedeutung von Erinnerungen. Geschichten werden weitergegeben und halten die Verbindung zwischen Generationen lebendig. Und genau hier sehe ich eine weitere Parallele zur Unternehmenskultur. Auch Unternehmen haben Geschichten. Geschichten über ihre Gründung, über gemeinsam bewältigte Krisen, besondere Erfolge oder Menschen, die eine Organisation geprägt haben.

Solche Erzählungen vermitteln neuen Mitarbeitenden häufig mehr über die tatsächlichen Werte eines Unternehmens als manches Leitbild. Wenn beispielsweise immer wieder davon erzählt wird, wie ein Team in einer schwierigen Situation zusammengehalten hat, wird deutlich, welche Bedeutung gegenseitige Unterstützung in dieser Organisation besitzt.

Kultur wird nicht nur durch Regeln und Werte vermittelt, sondern auch durch die Geschichten, die Menschen miteinander teilen.

Unternehmenskultur durch Regeln, Werte und Geschichten


Warum wir nicht einfach kopieren können, was anderswo funktioniert


In Deutschland hat sich Halloween insbesondere seit den 1990er-Jahren verbreitet. Amerikanische Filme, Medien und die Kostüm- und Süßwarenindustrie haben diese Entwicklung maßgeblich geprägt. Wir haben Kürbisse, Verkleidungen und das Sammeln von Süßigkeiten übernommen. Die Geschichte dahinter kennen dagegen nur wenige.

Auch Unternehmen orientieren sich gerne an erfolgreichen Beispielen. Ein anderes Unternehmen hat eine besonders offene Feedbackkultur? Also führen wir regelmäßige Feedbackrunden ein. Ein Wettbewerber begeistert mit innovativen Teamformaten? Dann probieren wir diese ebenfalls aus. Solche Impulse können wertvoll sein. Ihre Wirkung hängt jedoch davon ab, wie sie in die eigene Organisation eingebettet werden.

Der Organisationspsychologe Edgar Schein (Seerosenmodell) beschreibt Unternehmenskultur unter anderem als gemeinsam erlernte grundlegende Annahmen, die sich im Umgang mit Herausforderungen entwickeln. Das erklärt, warum ein Ritual allein noch keine Kultur schafft. Eine Feedbackrunde entfaltet ihre Wirkung erst dann, wenn Menschen Vertrauen entwickeln, ihre Meinung offen zu äußern. Ein gemeinsames Frühstück kann den Zusammenhalt stärken, wenn daraus echte Begegnungen entstehen.

Die entscheidende Frage ist deshalb weniger, welche Methoden wir übernehmen, sondern wie wir ihnen gemeinsam Bedeutung geben.

Wie aus einem fremden Brauch Gemeinschaft entstehen kann


Zehn Jahre lang war ich mit meinen Kindern an Halloween unterwegs. Wir haben uns verkleidet, gelacht und manchmal auch gefroren. Die Kinder haben Verse gelernt, sich überwunden, bei fremden Menschen zu klingeln, und dabei ganz unterschiedliche Erfahrungen gesammelt. Manche Türen blieben geschlossen. Hinter anderen warteten Menschen, die sich offensichtlich auf die kleinen Besucher freuten. Einige hatten liebevoll dekoriert, andere kamen spontan mit einer Schüssel Süßigkeiten an die Tür. Manchmal hatte ich sogar den Eindruck, dass jemand regelrecht darauf wartete, dass endlich geklingelt wurde.

Wir haben Nachbarn kennengelernt, denen wir sonst vermutlich nie begegnet wären.

Die Kinder haben Mut bewiesen, gelernt, vor Fremden zu sprechen, sich zu bedanken und auch mit Zurückweisung umzugehen. Ein Brauch, dessen ursprüngliche Bedeutung den meisten Beteiligten vermutlich nicht bekannt war, hat trotzdem etwas Wertvolles geschaffen: Begegnung und Gemeinschaft.

Das finde ich auch für Unternehmen interessant. Denn nicht jedes gemeinsame Erlebnis muss aufwendig organisiert sein. Manchmal reicht ein Anlass, der Menschen miteinander ins Gespräch bringt. Gerade in Teams, die stark arbeitsteilig oder überwiegend digital zusammenarbeiten, können solche Begegnungen wichtig sein. Sie eröffnen die Möglichkeit, Kolleginnen und Kollegen jenseits ihrer Aufgaben und Funktionen kennenzulernen.

Was dabei entsteht, lässt sich nicht allein durch die Planung eines Teamrituals bestimmen. Es entwickelt sich durch das, was Menschen gemeinsam erleben.


Unterschiedliche Haltungen gehören zur Kulturentwicklung


Natürlich hat nicht jeder Mensch Freude an Halloween. Manche feiern begeistert mit, andere öffnen die Tür nicht oder erklären, dass sie mit diesem Brauch nichts anfangen können. Auch das gehört dazu.

In Unternehmen erleben wir bei Veränderungen ähnliche Reaktionen. Was für die einen eine willkommene Neuerung ist, wirkt auf andere zunächst fremd oder wenig sinnvoll. Gerade diese unterschiedlichen Perspektiven können für die Kulturentwicklung wertvoll sein. Vielleicht erinnert eine neue Methode an frühere Erfahrungen. Vielleicht gibt es bereits eine bewährte Praxis, die sich weiterentwickeln ließe. Oder Mitarbeitende haben Ideen, wie ein neues Ritual besser zu ihrer Zusammenarbeit passen könnte.

Wenn solche Erfahrungen gehört werden, können Menschen die Entwicklung ihrer Unternehmenskultur aktiv mitgestalten. Und damit kommen wir zu einem Gedanken zurück, den Halloween auf wunderbare Weise veranschaulicht.

Kultur entwickelt sich, wenn wir ihre Geschichte kennen und ihre Zukunft gestalten


Eine Tradition aus Europa wandert nach Amerika, verändert sich über Generationen und kehrt schließlich zurück. Menschen greifen sie auf, interpretieren sie neu und schaffen damit eigene Erfahrungen. Auch Unternehmenskultur ist ständig in Bewegung. Sie wird von den Menschen geprägt, die in einer Organisation arbeiten, von ihren gemeinsamen Erlebnissen und den Bedeutungen, die sie ihrem Handeln geben.

Dabei lohnt es sich, nicht nur nach neuen Methoden und Trends zu suchen, sondern auch die eigene Geschichte zu betrachten. Was hat die Zusammenarbeit bisher geprägt? Welche Erfahrungen möchten wir bewahren? Und was lässt sich daraus für die Zukunft entwickeln?

Veränderung bedeutet nicht zwangsläufig, mit dem Alten zu brechen. Oft entsteht etwas besonders Wertvolles, wenn wir Bewährtes mit neuen Perspektiven verbinden.

Vielleicht denke ich daran, wenn am 31. Oktober wieder die ersten kleinen Gespenster vor der Tür stehen.

Die Süßigkeiten liegen jedenfalls bereit.

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